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Schladminger und Hallstätter Gletscher, Dachsteingebirge

Gletscherzustandsbericht 2010

von Franz Mandl

 

 

Die Ausaperung der Gletscherränder begann erst Ende Juli/Anfang August 2010. Da der  Gletscher durch Schneefälle zwischenzeitlich ca. zwei Wochen lang mit Schnee bedeckt war, wurde der Abschmelzprozess überdies verzögert. Auf dem etwa 100 m höher gelegenen Gjaidsteinsattel haben wir ähnliche Verhältnisse wie bei unserem Messstein am Rand des Schladminger Gletschers vorgefunden. Von 1938 (ÖAV-Kartographie) bis 2009 (ANISA) verringerte sich die Eisdicke des Gletschers auf dem Gjaidsteinsattel um 16 m. Die unstabile Wetterlage nach dem 27.08.2010 brachte 30 cm Neuschnee. Um den 15.09.2010 war der Neuschnee wieder teilweise abgeschmolzen. Folgender Neuschnee hat sich bis zum 05.10.2010 gehalten. Die anschießende Schönwetterphase schmolz wieder große Bereiche der Schneebedeckten Gletscherflächen. Ab dem 17.10.2010 beginnt der Winter auf den Gletschern.

Die Eisdicke des Gletschers verringerte sich am Messstein von 2009 auf 2010 um 1,30 m. An Länge verlor der Gletscher lediglich  0,10 m, da derzeit eine Absenkung des mehrere Meter hohen Eises bei den Messmarken 2008, 2009 und 2010 erfolgt. 

Vom höchsten Punkt des Messsteins, auf dem sich die Gletschermarke von 1947 befindet, bis zur aktuellen Marke von 2010 verkürzte sich der Gletscher in den vergangenen 57 Jahren um 67 m (Lasermessung). Die Eisdickenabsenkung beträgt 15 m. In den 6 Jahren von 2003 bis 2010 ist der Eishang in diesem Bereich um 54 m zurückgewichen. Die Messungen ergaben auf dem Eisrücken eine durchschnittliche Eisdickenabsenkung  von ca. 1 m pro Jahr. Zusammengefasst können wir eine Beschleunigung des Gletscherrückganges im letzten Jahrzehnt feststellen.

 

Schladminger Gletscher. Gletscherstand am Messstein, 26.08.2010. Die Eisdickenabsenkung beträgt 1,3 m. Foto: 26.08.2010

 

Gletschersituation am Eispalast. Mit Abdeckplanen versucht man den Abschmelzvorgang zu stoppen. Foto: 26.08.2010

 

Am Gjaidsteinsattel aperten die Liftstützen aus. Sicherungsarbeiten wurden notwendig. Rechts oben im Bild ist eine mit rußigen Schnee verfüllte Gletscherspalte zu sehen. Foto: 26.08.2010

 

Die erst 2003 neu errichteten Liftstützen auf dem Schladminger Gletscher stehen auf Eiskuppen, die durch Abdeckungen vor den Sonnenstrahlen geschützt werden. Foto: 26.08.2010

 

Der temporäre Eissee am Schladminger Gletscher vergrößert sich Jahr für Jahr. Foto: 26.08.2010

 

Der ausgeaperte obere Teil des Schladminger Gletschers. Foto: 26.08.2010

 

Eine neue Trasse für die Flaniermeile zur Dachsteinwarte musste wegen der vielen offenen Spalten im oberen Gletscherbereich geschaffen werden. Sie ist großteils ungesichert, inspiriert den bergunkundigen Wanderer zu Ausflügen abseits davon und provoziert förmlich Stürze in Gletscherspalten. Foto: 26.08. 2010

 

Wegabschnitt auf der Flaniermeile. Welchen Erholungsfaktor hat der Besucher auf dem schwarzen Pistenraupenruß-Hallstattgletscher? Der Dreck und der Müll lassen sich im kahlen Hochgebirge nicht so einfach verstecken. Er taut aus den Verstecken der Spalten irgendwann doch wieder aus. Manches mal rinnt bei heißen Sommertagen und warmen Gewitterregen ein Teil dieser Patina Richtung Tal. Dabei reinigt sich die Oberfläche, gleichzeitig verkleinert sich der Gletscher und verschmutzt tiefer liegende Regionen. Eine verheerende Umweltbilanz, die auch zuständige Behörden nicht im Welterbe der UNESCO stört. Foto: 26.08. 2010

 

Am Fuß der Dachsteinnordwand entstand 2010 durch die Auszerrung des Hallstätter Gletschers eine Spannung, die einer mächtigen Querspalte bzw. Randspalte führte. Die Spalte wird derzeit mithilfe einer Leiter überwunden, eine mögliche Gefahrenquelle für den Klettersteigwanderer des neu eingerichteten Klettersteiges. Foto: 26.08. 2010

 

Seit nunmehr 14 Jahren wird von der ANISA der seit 1969 touristisch genutzte Schladminger und Hallstätter Gletscher aus der Sicht des Natur- und Umweltschutzes und des Gletscherrückganges beobachtet. Dabei fällt auf, dass sich das zerstörende Potential an Naturverbrauch und Umweltbelastung durch die steigende Vermarktung der Gletschers stark erhöht hat. War 1996 der Gletscher vor allem durch Altlasten der 1970er und 1980er Jahre kontaminiert, kamen zwischen 2000 und 2010 vor allem Neubauten mit dem Ziel, höhere Besucherzahlen zu erzielen, hinzu. Neben neu errichteten Liften gesellte sich der "Eispalast". Dieser mit hohem Energieaufwand gekühlte Märchenstollen im seichten Eis des Gjaidsteinsattels wurde ursprünglich mit Eisfiguren aus dem deutschen Tiefland ausgestattet. Seit einigen Jahren wird im Rahmen der Gästekarte der sonst sehr teure Tagesausflug zu den Gletschern kostenlos angeboten. Dadurch ist dieses Ziel schlichtweg der Renner des extremen Massentourismus geworden. Aus wirtschaftlicher Sicht ist dieses Angebot, das mit Subventionen, die wiederum mit Krediten finanziert werden, als unseriöses Geschäft zu werten. Aus diesem forcierten Touristenstrom resultieren weitere Begehren der hoch subventionierten Tourismuswirtschaft. Darunter der Ausbau der Straßen im Ennstal, natürlich wiederum mit auf Krediten gestützten Subventionen, die niemals zurückbezahlt werden können. Kapital das zu einem Teil den sozialen Netzwerken entzogen wird. Schulden, die unsere Jugend und nachfolgenden Generationen in die Armut treibt. 

Der gewissenlose Umgang des Massentourismus mit der Natur und mit unserer Umwelt fördert Emissionen und den weiteren Anstieg der Treibhausgase. Allen Klimakatastrophen zum Trotz wird weiter gewirtschaftet, als ob es kein Morgen zu geben brauchte. Die großen Katastrophen finden noch fern vom Ennstal statt. Aber auch diese werden einmal Schladming und seinen Massentourismuszirkus erreichen. Schuld an einer Umweltkatastrophe sind aber immer die anderen! Der Massentourismus verträgt und akzeptiert keine Kritik, sucht nach gefälligen Klimaprognosen, die in das wirtschaftliche Konzept passen, holt bezahlte Gutachten von Lobbyisten und Fachleuten ein; erwartet die Genehmigungen seiner Bauvorhaben von den Ämtern; boykottiert sanfte Alternativen; informiert interessensbezogen; schafft in der Medienlandschaft Abhängigkeit und Zensur durch laufend bezahlte Werbeeinschaltungen; verdrängt Verantwortung in die Verantwortungslosigkeit. Der österreichische Massentourismus ist durch die überstrapazierte Verquickung zwischen Politik, Wirtschaft und Verwaltung möglich geworden.

 

 

Leserbrief: 

05.10.2010 / Sehr geehrter Herr Mandl,
ich finde es toll, dass Sie die Missstände und Ausbeutung der Dachsteingletscher aufzeigen.
Ich persönlich bin auch des Öfteren im Frühsommer und Herbst am Dachstein Snowboarden und  habe schon die schlimmsten Umweltsünden beobachtet. So hat ein Skifahrer im Sommer vor zwei Jahren seine Ski mit MOTORÖL!!! präpariert um schneller zu sein. Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Bergbahnen den wahren Zustand des Gletschers verschleiern. Sobald der Schnee gänzlich abgeschmolzen ist und die hässliche schwarze Schmutzrinde zum Vorschein kommt, macht die Webcam keine Fotos mehr vom Gletscher selbst sondern lediglich von den Gipfeln. Anfragen über den Gletscherschwund der Dachsteingletscher werden sofort aus dem Gästebuch der Gletscherbahn gelöscht/ zensiert.
Ich war dieses Jahr zum ersten mal im August am Dachstein und der Zustand der Gletscher ist wirklich schlimm. Alles schwarz! Diese Schmutzrinde kann nicht nur aus Wüstensand und Feinstaub bestehen… Wodurch wird diese Schmutzschicht auf den Dachsteingletschern hauptsächlich verursacht? Sicherlich auch durch die Pistenraupen. Dass der Hallstättergletscher radioaktiv verstrahlt ist, hätte ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas

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Ergänzungen vorbehalten.

Meinungen zu diesem Bericht senden Sie bitte an: franz.mandl@anisa.at 

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weiterführende Links: 

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_1999.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2003.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2006.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2007.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2008.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2009.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2010.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2011.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2012.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2013.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2014.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2015.htm

 

 

 

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