Hochalpine Wüstungsforschung im Tennengebirge

Das interdisziplinäre Projekt Pitschenbergalm – Ein Zwischenbericht (April 2015)

von Daniel Brandner

 

Nach der Entdeckung einiger wüst gefallener Gebäudestrukturen im Jahr 2012 wurden in den Sommermonaten der darauffolgenden beiden Jahre von ehrenamtlichen Mitarbeitern der ANISA, Verein für alpine Forschung, eingehende Prospektionen im Bereich der Pitschenbergalm durchgeführt. Für unsere Vorhaben konnte als Kooperationspartner die Abteilung für Archäologien des Bundesdenkmalamtes gewonnen werden. Nach diesen ersten zwei Kampagnen ist es nun an der Zeit, ein erstes Resümee zu ziehen und unsere bisherigen Erkenntnisse kurz vorzustellen.

 

Hochalpine Wüstungsforschung. Archäologie in den Alpen. Projekt der ANISA und des Bundesdenkmalamtes 2012-2015. Bericht über die Forschungswoche 2014.

Abb.1: Das Tennengebirge in einer Luftaufnahme von Süden (Quelle: Bing-Maps)

 

 

Die Pitschenbergalm besteht aus zwei Almgebieten: die nord-süd ausgerichtete Vordere Pitschenbergalm (1736-1820 m) und die west-ost ausgerichtete Hintere Pitschenbergalm (1840-1925 m), welche durch den Windischriedel (1925 m) geteilt werden. Waren diese Almweiden einst vom Gut Stegenwald aus - gemeinsam mit der Grünwaldalm (1166 m) - im Rahmen einer gestaffelten Almwirtschaft bestoßen worden, werden sie heute nur noch als Schafweide von Bauern aus Werfenweng genutzt. Das große und sorgfältig bis zum First aus Kalksteinen gemauerte Almgebäude nahe der Pitschenberglacke samt separatem Keller und großem Steinanger auf der Vorderen Pitschenbergalm zeugt noch heute von der einstigen Bedeutung der Almwirtschaft in diesem Bereich. Es wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet, stand bis 1978 in Verwendung (ab 1962 nur noch als Galtalm) und ist seither dem Verfall preisgegeben.

 

Hochalpine Wüstungsforschung. Archäologie in den Alpen. Projekt der ANISA und des Bundesdenkmalamtes 2012-2015. Bericht über die Forschungswoche 2014.

Abb. 2: Das neuzeitliche Almgebäude auf der Vorderen Pitschenbergalm

 

 

Unser Interesse während der ausgedehnten Begehungen galt aber vielmehr den älteren und bereits stärker verfallenen Gebäuderesten auf der Pitschenbergalm und wir wurden auch fündig. Um diese baulichen Strukturen so genau wie möglich dokumentieren zu können, errichteten wir zunächst ein Netz aus Fixpunkten, welches sich über die gesamte Pitschenbergalm erstreckt. Dadurch wird die Aufstellung und freie Stationierung eines Vermessungsgerätes an fast jedem beliebigen Punkt ermöglicht. Mit einem Tachymeter - dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von der TU Graz (Institut für Navigation) - konnten alle entdeckten Objekte exakt eingemessen werden. Zusätzlich erfolgte eine Dokumentation aus der Vogelperspektive. Franz Mandl fertigte mit einem Multicopter Luftaufnahmen der Objekte an, die uns als Grundlage für Planzeichnungen dienten. Die Objekte wurden nämlich zunächst mit eingemessenen Passmarken versehen, welche in weiterer Folge zur fotogrammetrischen Entzerrung der Luftaufnahmen herangezogen werden konnten. Auf diese Weise gelang es, den Arbeitsaufwand im Feld so gering wie möglich zu halten, um in vergleichsweise kurzer Zeit eine große Menge an Strukturen erfassen zu können. Insgesamt konnten 22 bauliche Strukturen dokumentiert und in einen die gesamte Pitschenbergalm umfassenden Gesamtplan eingebunden werden, der eine optimale Grundlage für weitere Forschungen in diesem Bereich darstellt.

 

 Hochalpine Wüstungsforschung. Archäologie in den Alpen. Projekt der ANISA und des Bundesdenkmalamtes 2012-2015. Bericht über die Forschungswoche 2014.

Abb. 3: Vermessungsgeräte und fertige Planzeichnung des neuzeitlichen Almgebäudes von der Hinteren Pitschenbergalm

 

 

Bei diesen „baulichen Strukturen“ handelt es sich zumeist um verrundet rechteckige Steinlagen aus Kalksteinen, die an einer Seite eine Aussparung für den Eingang erkennen lassen. Sie sind wohl als trocken gesetzte Grundmauern bzw. Auflagesteine zu interpretieren, welche einst einen Aufbau aus organischem Material trugen. Ob es sich dabei um eine Holzkonstruktion in Blockbautechnik oder eine andersartige, weniger stabile Bauweise aus Holzstangen und Planen aus Tierhäuten und/oder Textilien gehandelt hat, kann nicht mehr festgestellt werden. Die Gebäude befinden stets in erhöhter Lage über dem Almboden auf sanften Kuppen oder Geländestufen. Zum einen liegt dies mit Sicherheit darin begründet, dass die Böden von ausgedehnten Buckelwiesen dominiert werden, deren stark reliefierte Oberfläche kaum geeignete Bauflächen aufweist. Zum anderen hat man bei der Errichtung der Hütten offenbar auch darauf geachtet, diese in Bereichen mit möglichst viel Sonneneinstrahlung zu positionieren. Zusätzlich wurden auch mehrere größere Strukturen aus aufgeschichteten Kalksteinen entdeckt, die wahrscheinlich als Viehpferche interpretiert werden können.

 

Hochalpine Wüstungsforschung. Archäologie in den Alpen. Projekt der ANISA und des Bundesdenkmalamtes 2012-2015. Bericht über die Forschungswoche 2014.

Abb. 4: Eines der verfallenen spätbronzezeitlichen Gebäude auf der Hinteren Pitschenbergalm (Luftbild: F. Mandl).

 

 

Rein optisch lassen die wüst gefallenen Gebäude kaum eine nähere Datierung zu (eine relative Datierungsmethode für erste Befunde befindet sich derzeit in der Entwicklung – siehe Internetbeiträge F. Mandl). Daher wurden innerhalb der Objekte kleinräumige Sondagen (20x20 cm) angelegt, um aus der Benutzungsschicht Holzkohleproben für eine 14C-Analyse entnehmen zu können, die uns einen groben Datierungsanhalt liefern kann. Zusätzlich erlangt man auf diese Weise auch einen ersten Eindruck von den stratigrafischen Verhältnissen in den Gebäuden.

 

Bislang konnten mittels der Radiokarbonmethode auf der Pitschenbergalm 11 Objekte zeitlich näher eingeordnet werden. Es zeigte sich dabei, dass wohl bereits ab der frühen Bronzezeit (BETA-360563: 3510 ± 30 BP /1950-1860 v. Chr. oder 1850-1770 v. Chr. - 2σ kalibriert) mit einer almwirtschaftlichen Nutzung der Hinteren Pitschenbergalm zu rechnen sein dürfte. Für die Spätbronzezeit gelang der Nachweis von drei baulichen Strukturen auf der Hinteren Pitschenbergalm, wobei Daten zwischen dem Ende des 14. und dem 12. vorchristlichen Jahrhundert vorliegen. Zusätzlich konnten im Rahmen einer Detailuntersuchung eines dieser Gebäude auch zwei vom selben Gefäß stammende Keramikwandfragmente geborgen werden, die ebenso in die Bronzezeit zu datieren sind. Der Scherben ist innen hellbraun und weist eine Magerung aus Kalksteinchen und kleinen Schlackenstückchen auf. Sowohl auf der Gefäßaußenseite als auch innen ist die Oberfläche geglättet und schwarz.

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Abb. 5: Die Hintere Pitschenbergalm mit Blick Richtung Süden.

 

 

Nach dieser Zeit offenbar recht intensiver Nutzung der Pitschenbergalm folgen fast tausend Jahre für die bis dato ein Nachweis menschlicher Aktivität fehlt. Erst für die jüngere Eisenzeit, die Latènezeit, liegen wieder zwei 14C-Daten vor, die aber beide von der Vorderen Pitschenbergalm stammen. Nahe der nördlichsten Ausläufer der Almweiden konnte eine bauliche Struktur ausgemacht werden, die an einen Kalkfelsen angebaut ist (2.-1. Jh. v. Chr.). Dieser liegt nördlich des Gebäudes und schützt es vor Witterungseinflüssen, während zugleich aufgrund der offenen Lage gegen Süden die Sonneneinstrahlung optimal ausgenutzt werden kann.

 

Ebenfalls im Schutz eines Felsens, in diesem Fall handelt es sich allerdings um einen Sturzblock, konnte eine zweite latènezeitliche Lagerstätte nachgewiesen werden (2.-1. Jh. v. Chr.). Allerdings fand sich hier (noch) keine bauliche Struktur, was an einen anders gearteten Unterstand denken lässt. Dieser Fundplatz schafft auch eine Verbindung zur darauffolgenden Epoche: der römischen Kaiserzeit. Zehn Zentimeter über der eisenzeitlichen Schicht konnte neben einer wohl römischen zu datierenden Bodenscherbe eines Keramikgefäßes eine weitere Holzkohleprobe entnommen werden, die in das erste Jahrhundert nach Christus datiert. Eine weitere römische Struktur befindet sich auf der Hinteren Pitschenbergalm, wobei die Daten hier bis ins 2. Jh. n. Chr. reichen.

Hochalpine Wüstungsforschung. Archäologie in den Alpen. Projekt der ANISA und des Bundesdenkmalamtes 2012-2015. Bericht über die Forschungswoche 2014.

Abb. 6: Beprobung der im Schutze des Felssturzblockes gelegenen, späteisenzeitlichen bzw. frührömischen Struktur auf der Vorderen Pitschenbergalm (Foto: F. Mandl)

 

 

Eine eindeutige gleichzeitige Nutzung beider Almen konnte für das frühe Mittelalter nachgewiesen werden. Sowohl ein zweiräumiges Gebäude mit angebautem Pferch im südlichsten Teil der Vorderen Pitschenbergalm als auch ein kleines, rechteckiges Objekt auf der Hinteren Pitschenbergalm datieren in das 7. bzw. 8. Jh. n. Chr. Unweit dieser Struktur, am selben Platz, der bereits in der frühen und späten Bronzezeit für die Errichtung von Gebäuden genutzt wurde, konnte die Hüttstatt des Spätmittelalters ausfindig gemacht werden (14C-Daten vom Ende 13. bis Anfang 15. Jh. n. Chr.). Für die folgende Zeit können lediglich zwei gestempelte Randfragmente sogenannter "Kremprandtöpfe" (Passauer Ware) als Hinweise auf Almwirtschaft angesehen werden. Sie datieren ins 15./16. Jh. n. Chr. und gelangten als Streufunde an das Museum in Golling . Die erste urkundliche Erwähnung der Pitschenbergalm erreicht uns vergleichsweise spät in einem Urbar aus dem Jahr 1749. Welche bauliche Struktur mit dieser Schriftquelle zu verknüpfen ist, muss noch offen bleiben. Wahrscheinlich bezieht sich die Quelle dabei unter anderem auf den noch teilweise erkennbaren Vorgängerbau des verfallenen Almgebäudes im Nordwesten der Hinteren Pitschenbergalm. Vielleicht hat in diesem Zusammenhang aber auch noch das große, vierräumige Gebäude westlich der Pitschenberglacke, von dem sich nur mehr die mächtigen Grundmauern im Almboden erkennen lassen, eine Rolle zu spielen.

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Abb. 7: Das zweiräumige Gebäude samt angebautem Pferch im südlichsten Teil der Vorderen Pitschenbergalm konnte in das Frühmittelalter datiert werden (Luftbild: F. Mandl)

 

 

Zusammenfassung

Durch die Arbeit der ANISA konnte die Geschichte der Pitschenbergalm um einige spannende Kapitel erweitert werden, denn es zeigte sich, dass diese Almweiden wohl bereits vor gut 4000 Jahren genutzt wurden. Seit dieser Zeit wurde die Alm immer wieder von Menschen aufgesucht und diese hinterließen Spuren in Form der von ihnen errichteten Hütten und Pferche. Wenngleich der Nachweis einer zeitgleichen Nutzung beider Almen bislang nur für das Frühmittelalter eindeutig erbracht werden konnte, wird man, alleine schon aufgrund der naturräumlichen Lage, von einer parallelen Nutzung der Vorderen und der Hinteren Pitschenbergalm ausgehen dürfen. Zudem gilt anzumerken, dass einige der Strukturen nicht das nötige Probenmaterial für eine 14C-Datierung erbracht haben und daher zeitlich nicht näher eingeordnet werden konnten. Weiters wird man im wahrscheinlich stets als Bauplatz begehrten, jedoch räumlich knapp bemessenen Bereich rund um die Pitschenberglacke mit der Zerstörung älterer Strukturen durch jüngere Bautätigkeiten rechnen müssen. Vor allem im Zuge der Errichtung der beiden großen, neuzeitlichen Almgebäude dürften in dieser Hinsicht viele archäologische Spuren verwischt worden sein. So darf es nicht verwundern, dass trotz der vier nachgewiesenen bronzezeitlichen Objekte auf der Hinteren Pitschenbergalm aus dieser Zeit von der vorderen Alm keine Strukturen vorliegen. Immerhin liegen eindeutige Indizien für eine sehr frühe Begehung dieses Bereiches in Form von Silexartefakten vor, die von S. Krutter vom Museum Golling im Uferbereich der Pitschenberglacke entdeckt werden konnten.

 

Während wir uns nun schon ein gutes Bild über die zeitliche und räumliche Verteilung der baulichen Strukturen auf der Pitschenbergalm machen konnten, stehen noch viele Fragen offen. So fehlen bislang eindeutige Hinweise darauf, wie genau wir uns die frühe Almwirtschaft auf der Pitschenbergalm vorstellen müssen. Welche Tiere wurden aufgetrieben? Wurde Milchwirtschaft betrieben oder stand eher die Fleischproduktion im Vordergrund? Handelte es sich um eine gestaffelte Almwirtschaft, wie sie in der Neuzeit betrieben wurde, oder müssen wir mit ganz anderen Modellen der alpinen Weidewirtschaft rechnen? Zudem stellt sich natürlich die Frage nach den Heimhöfen der Almgebäude. Um zumindest einige diese Fragen beantworten zu können oder einer fundierten Antwort jedenfalls näher zu kommen, planen wir in Zukunft archäologische Ausgrabungen auf der Pitschenbergalm durchzuführen. Einige wesentliche Informationen erhoffen wir uns außerdem von einem in Bearbeitung befindlichen Pollenprofil (Ruth Drescher-Schneider). Zunächst aber soll diesen Sommer das weitere Umfeld der Pitschenbergalm noch einmal im Zuge einer Prospektion genauer unter die Lupe genommen werden.

 

 

Hochalpine Wüstungsforschung. Archäologie in den Alpen. Projekt der ANISA und des Bundesdenkmalamtes 2012-2015. Bericht über die Forschungswoche 2014.

Abb. 8: Die Hintere Pitschenbergalm von Osten gesehen.

 

 

Literatur zum Projekt:

F. Mandl, Das interdisziplinäre Projekt „Pitschenbergalm“. Tennengebirge, Land Salzburg. Ein Vorbericht. Mit einem Vorwort von Bernhard Hebert. Forschungsberichte der ANISA 5, 2014, 37-42.

D. Brandner, Das interdisziplinäre Projekt „Pitschenbergalm“. Tennengebirge, Land Salzburg. Erste archäologische Ergebnisse. Forschungsberichte der ANISA 5, 2014, 43-48.

 

Meinungen zu diesem Beitrag: daniel.brandner@gmx.at und franz.mandl@anisa.at

Redaktion: F. Mandl (12.04.2015)

 

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