Beitrag wurde am 10.09.2022 ins Netz gestellt. Letzte Aktualisierung: 16.09.2022

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Forschungsberichte der ANISA für das Internet. 5, 2022 (ANISA FB 5, 2022)

Aktualisierungen vorbehalten!

 

24 Jahre Gletscherzustandsberichte der ANISA, Verein für alpine Forschung

 

 

Die Gletscherberichte, Gletscherzustandsberichte und Gletschermessungen der ANISA versuchen mit vielfältigen Bilddokumentationen den Klimawandel und die Auswirkung der Gletscherbewirtschaftung auf die Umwelt sowie auf das sich dadurch wandelnde Landschaftsbild zu veranschaulichen. Sie wollen die wissenschaftliche Glaziologie, die insbesonders auf den Dachsteingletschern unter mangelnder Kontinuität leidet, bereichern und ergänzen. Die Mitglieder der ANISA liefern im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit Forschungsansätze, Fotografien, Messmarken und unterstützende Dokumente für die Glaziologie. Wir verlangen jedoch bei Inanspruchnahme unserer Daten auf die Quelle zu verweisen!

 

 

 

Gletscherbericht 2022

Schladminger Gletscher

Dachsteingebirge

Oberösterreich und Steiermark

 

von Franz Mandl

 

 

Einleitung

Das Dachsteingebirge inmitten von Österreich ist Teil der Nördlichen Kalkalpen, die sich von Wien bis zum Bodensee erstrecken. Im Norden davon liegt der weltbekannte Ort Hallstatt und im Süden die steirische Ramsau. Das Gestein des Gletscherareals besteht zum überwiegenden Teil aus gebanktem Dachsteinkalk (Geologische Karte der Dachsteinregion, Wien 1998). Die sieben stark abschmelzenden Dachsteingletscher sind die östlichsten Gletscher der Alpen und befinden sich in einer Höhe zwischen 2210 m und 2900 m.

 

Wetter 2022:

Der Winterschnee bildete heuer eine bis zu 4 m hohen Schneedecke. Während des überdurchschnittlich warmen Frühjahrs und Sommers schmolz die Schneedecke auf den Gletschern des Dachsteingebirges rasch ab.

 

 

Aktuelle Informationen und Rückblicke

Bereits Mitte Juni kam im Bereich der Messlinie und beim Gletschersee das blanke Eis des Gletschers zum Vorschein. Die vom Saharasand verschmutzte Schnee- und Eisdecke des zugefrorenen Gletschersees begann aufzutauen. Ebenfalls im Juni wurde die Trasse des Schladminger Gletscherlifts mit Thermo-Sonnenschutzplanen abgedeckt.  Der Schnee wurde mit Pistenraupen weiträumig zu den Liftsockeln, der Lifttrasse, der Rampe zur Talstation des Schladminger Gletscherliftes und zur Liftstütze am großteils noch zugefrorenen kleinen Gletschersee mit seinen schmutzigen Schnee- und Eisschollen geschoben. Große Schneemengen wurden wieder auf dem mit elektrischer Energie gekühlten "Eispalast" deponiert. Am 30. Juli 2022 war wegen des warmen Wetters im Juni (bis zu 24°C) bereits ein Drittel schneefrei. Die Gletscherschmelze schreitet in einem bislang noch nicht bekannten Tempo voran. Die Reaktion der Bewirtschafter ist eine emsige Schneeverfrachtung mit Pistenraupen von noch schneereichen Schattenlagen zu den ausapernden Liftanlagen. Schwarze Schmutzflecken werden neben einigen Liftstützen sichtbar. Die Loipe auf dem Schladminger Gletscher ist bereits zur Hälfte schneefrei und wurde zur Nordwand des Koppenkarsteins hinaufverlegt. Auch die Schneerampe zum Mittersteinlift wurde mit Thermoplanen abgedeckt. Der Schneesaum an der ANISA-Messlinie beträgt nur noch an die 5 m. Der Gletschersee ist wegen des Schmelzwassers und der Gewitterniederschläge erheblich größer geworden. Am 1. September war die Rampe zum Mittersteinlift bereits wieder abgedeckt und der schmutzige, mehrere Jahre alte Schnee kam zum Vorschein. Der Gletscher war am  4. September zu 99% schneefrei bzw. ausgeapert. Am Gjaidsteinsattel beträgt der Abstand zwischen Eis und Felsen nur noch 36 m. An der ANISA-Messlinie ist die Bankung des Dachsteinkalks durch das Abschmelzen gut sichtbar geworden.

 

 

Anmerkung zur Gletscherforschung

Die Dokumentation des Längenrückzugs und die Absenkung der Eisdecke des Gletschers sind einfache Tätigkeiten, die durchaus ehrenamtliche Mitarbeiter durchführen können. Was für die Dachsteingletscher jedoch fehlt, sind Sedimentanalysen und Gletschereisdatierungen. Hier könnte man wichtige Ergebnisse zur Bodenbedeckung und Gletscherverschmutzung erzielen. Die ANISA hat schon 2001 mit Prof. Dr. Gernot Patzelt am Rande des Hallstätter Gletschers immerhin Radiokohlenstoffdatierungen durchgeführt. 2019 ist darüber ein Beitrag von G. Patzelt auf www.anisa.at erschienen. Aber warum ignorieren Fachleute, die sich lediglich auf die Massenabnahme der Gletscher konzentrieren, eine moderne und innovative Forschung?

  

 

Gletscherbegehungen und Gletschermessungen 2022

Schladminger Gletscher

Begehungen 2022. Der Schladminger Gletscher war am 21.07. zu 60%, am 29.07. zu 70%, am 11.08 zu 90% und am 01.09.2022 zu 99% ausgeapert. Eine derart massive Ausaperung des Gletschers hat es seit seiner Dokumentationsgeschichte noch nie gegeben.

 

 

 

Blick vom Hohen Gjaidstein zum Schladminger Gletscher mit Koppenkarstein. Foto: ANISA/Mandl, 11.08.2022

Der Gletscher reichte auf der Ostseite des Hunerkogels um 1850 noch 60 m höher hinauf, wie dies durch die dunkle, vom Eis abgedeckte Zone der Felswand auf einer Abbildung von 1930 klar hervorgeht. Friedrich Simony schreibt in seinem Dachsteinwerk (1895,139): "Ebenso haben sich die Firnmassen des Gletschers inzwischen merklich erniedrigt, denn der Gipfelrücken des Hunerkogel, welcher in den Sechzigerjahren [Betrachtung des Zeitraumes zwischen 1867 und 1885] auf der Spitze des kleinen Koppenkarstein noch nicht zu sehen war, überhöht daselbst gegenwärtig als schmaler dunkler Saum den obersten Firnrand." Dies entspricht der Höhe der heutigen Terrasse der Bergstation auf 2687 m. Für die Errichtung der Bergstation wurde zu Ende der 1960er Jahre der Gipfel des Hunerkogels weggesprengt. Der Gletscher erreicht heute am Wandfuß des Hunerkogels die Höhe von 2625 m. Das ergibt einen Höhenunterschied von ~60 m.

 

 

 

Das östliche Ende des Schladminger Gletscher am 29.07.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

ANISA-Koppenkarstein-Messlinie

 

Die Messlinie der ANISA zieht sich vom Messstein bis zur Nordwand des Koppenkarsteins durch ein seichtes Karsttal. Das bedeutet, dass sich der Gletscher in einen Gegenhang zurückzieht, wodurch sich sein Längenrückzug erheblich verlangsamt.

 

Begehung: 04.09.2022

Der Längenrückzug der Periode 2021-2022 beträgt 10,61 m mit einer Eisabsenkung an der Messmarke von 1,8m/2538 m.  GPS-Messung: UTM T33 0397063-5258459. Berücksichtigt man die Hangneigung hinauf zur Koppenkarsteinnordwand mit 10° am Messpunkt zwischen 2021 und 2022 erhöht sich die Eisabsenkung um weitere ca. 2 m. Damit hat sich der Gletscher in diesem Bereich um ca. 3,5 m abgesenkt. 

Die negative Massenbilanz ist die bisher größte, seit es Aufzeichnungen gibt.

 

Unsere Gletschermarken-Skala belegt vom Fixpunkt 1947 bis zur Messmarke 2003 an der nach Süden gerichteten Wand einen Längenrückzug von 15,35 m, von 2003 bis 2021 von 84,76 m. Der durchschnittliche jährliche Rückzug beträgt in den 56 Jahren von 1947 bis 2003 nur 0,274 m. Dieser langsame Rückzug ist mit der beinahe senkrechten Absenkung an dieser 11,32 m hohen Stauwand erklärbar. In den 18 Jahren von 2003 bis 2021 zog sich der Gletscher von den im flacheren Bereich des Gletscherbettes liegenden Messmarken durchschnittlich um 4,71 m pro Jahr zurück. Im überdurchschnittlich warmen Sommer 2022 beträgt der Längenrückzug 10,61 m. Die Eishöhe senkte sich an unserer Messmarke lediglich um 2 m. An Eishöhe verlor der Gletscher in den 56 Jahren von 1947 bis 2022 auf der 2600-m-Höhenschichtlinie der Österreich Karte von 1934 ca. 55 m. Seit 1850 ist mit einer Abnahme der Eishöhe von mindestens 100 m zu rechnen. Noch vor 50 Jahren existierte hier ein steiler Eisrücken.

 

Osthang (tiefste Stelle des Schladminger Gletschers!)

Begehung: 29.07.2022. Der Gletscherrand hat sich hier gegenüber 2019 lediglich um 10 m zurückgezogen. Jedoch ist eine großflächige Eisabsenkung im Steilhang zu erkennen. (UTM 33T 0397806-5258285, 2438 m)

Die Höhenlage des Schladminger Gletschers liegt nun zwischen 2440 m und 2660 m (beim Austriascharten- und Hunerkogellift). Der Höhenunterschied beträgt nunmehr ca. 220 m.

 

Gjaidsteinsattel

Gjaidsteinsattel, 2621 m. In der Hübnerkarte von 1899 liegt der Sattel auf 2649 m. Der Gletscher erreichte um 1880 noch die 2668 m hoch gelegene Kuppe, auf der heute ein Strommast für die Versorgung der Lifte steht. 

Begehung: 29.07.2022 und 04.09.2022

Am Gjaidsteingrat wurden beim Strommast (2660 m) und beim Wegweiser (2642 m) Tachymetermessungen durchgeführt

 

Gletschersee

2003 bildete sich erstmals ein kleiner Gletschersee mit einer Schwinde in der das Wasser abfließen konnte. Mit dem zurückweichenden Gletscher verschwand dieser See und es bildete sich 2010 weiter südlich ein neuer See. Zuerst unauffällig, vergrößerte es sich Jahr für Jahr und erreichte 2021 eine Länge von 100 m. 2022 erreichte er bereits eine Länge von 126 m. Sein Abfluss erfolgt ebenfalls durch eine Schwinde. Der Seespiegel bleibt aber weitgehendst stabil. 

 

 

 

Der vom Schmelzwasser gespeiste, inzwischen 126 m lange Gletschersee mit Schladminger Gletscher. 13.09.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Blick vom Grat des Niederen Gjaidsteins zur neuen Talstation des Schladminger Liftes, 2022. Das Schmelzwasser des Gletschers wird nun zwischen den Liftstützen und der abgedeckten Lifttrasse in den neu gebildeten Gletschersee geleitet. 11.08.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Gletscherruine mit Pflaster, 2022. Mit riesigen Sonnenschutzplanen aus Plastikfasern versucht man verzweifelt das Abschmelzen der Schneedecke über dem Eispalast und auf den Lifttrassen zu verzögern. Zugleich tauchen Felsinseln aus der sich senkenden Eisdecke hervor. Im Hintergrund die Skyline zum Eispalast mit Hängebrücke. 11.08.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Gjaidsteinsattel am 11.08.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Gjaidsteinsattel am 11.08.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Stufen für die Exklusivität im hochalpinen Raum. Gjaidsteinsattel am 11.08.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Fotodokumentation

 

 

 

 Baggerarbeiten am immer schwieriger werdenden Zugang zum Rosmarie-Stollen am 11.08.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Sonnenschutzplanen für das Loipenschneedepot. 11.08.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Baggerarbeiten auf dem Schladminger Gletscher. 11.08.2022. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Mit Eisgranulat abgedeckter Liftsockel. In diesem Bereich begannen bereits am 04.09.2022 die Felsen aus dem Gletscher auszuapern. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Der Hallstäter Gletscher vom Gipfel des Hohen Gjaidsteins.

 

 

 

 Blick vom Hohen Gjaidstein auf dem Hallstätter Gletscher. 11.08.22. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Die Gletscherzunge des Hallstätter Gletschers. 11.08.22. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Der Eisstein. Im Nordbereich zieht sich der Gletscher zurück. Hallstätter Gletscher. 11.08.22. Foto: ANISA/Mandl

 

 

 

Allgemeine Hintergrundinformationen

Berücksichtigt man im Luftbild als Messpunkte die sichtbaren Moränen, Schotterflächen, Erosionsflächen, Vegetationsgrenzen und den Gjaidsteinsattel, so betrug die max. Fläche des Schladminger Gletschers mit Einbeziehung der Gjaidsteinosthänge (ohne Berücksichtigung der Horizontalprojektion) 1845/1950  annähernd 3 km². Der Umfang betrug etwa 9 km. (Quelle: Orthofoto, DORIS-Intermap des Landes Oberösterreich.)

 

Friedrich Simony (1895, 137)  gibt für den Schladminger Gletscher für die Zeit um 1880 eine Fläche von 199 ha an. Erik Amberger/Erwin Wilthum errechneten 1951 für den Schladminger Gletscher folgende Ausdehnungen: 1856/225 ha, 1872/199 ha, 1899/180 ha, 1928/125 ha, 1934/97 ha, 1951/81 ha. Das entspricht einen Flächenverlust von 64% zwischen 1856 und 1951.

 

2022 wies der Schladminger Gletscher eine Fläche von nur noch annähernd 0,60 km² auf. Das entspricht etwa einem Fünftel der ursprünglichen Fläche. Der Umfang beträgt 3,6 km (Orthofoto, DORIS-Intermap des Landes Oberösterreich). Der Eismassenverlust ist als fundamentaler Wert zu betrachten. Da nicht nur vier Fünftel an Gletscherfläche verloren gegangen sind und auch vom letzten verbleibenden Fünftel etwa die Hälfte bereits abgeschmolzen ist, kann man lediglich von einem verbleibenden Zehntel der Eismasse von 1850 ausgehen. Wegen der fehlenden Werte der Eishöhen bzw. der dazu notwendigen verlässlichen Profile sind diese Angaben als Überschlagsrechnungen zu werten. Wesentlich für die Abnahme der Gletschermasse auf unseren Karst- und Kargletschern ist die Abnahme der vertikalen Eishöhe und nicht der Längenrückgang eines Gletschers. Aus Beobachtungen der letzten 15 Jahre können einem Meter Längenrückgang etwa ein Meter vertikale Eisabnahme gegenübergestellt werden. Dieser Wert belegt einen zunehmenden Volumenverlust und eine Beschleunigung der Klimaerwärmung. Mit Eishöhenprofilen kann die Massenbilanz genauer berechnet werden.  Beim Hallstätter Gletscher kann man als Überschlagsrechnung davon ausgehen, dass von der verbleibenden Fläche von etwa 50 % des maximalen Vorstoßes um 1850 (die große eisfrei gewordene Insel rund um den Eisstein wurde berücksichtigt) auch diese nur noch eine Massenbilanz von einem Viertel aufweisen wird. Trotz der abnehmenden Massenbilanz der Gletscher darf festgestellt werden, dass sich durch den Rückzug auf größere Höhen und der dort herrschenden tieferen Temperaturen der Längenrückzug und der Eismassenverlust verlangsamen werden. Bei Radartiefenmessungen auf dem Schladminger Gletscher von 2007, die der Bewirtschafter der Gletscher in Auftrag gegeben hat, wurden immerhin Tiefen von 130 m erreicht. Falls diese stimmen (man sollte diesen Messungen Ungenauigkeiten zugestehen, da am unteren Gletscherrand angegebene Tiefen von bis zu 50 m inzwischen eisfrei oder beinahe eisfrei geworden sind!), wird der Schladminger Gletscher möglicherweise noch in 50 Jahren als kleiner warnender toter Eisfleck an einen Gletscher erinnern.

 

 

Der vom Koppenkarstein herabgestürzte Sprengschotter vom Bau der Militärstation Anfang der 1970er-Jahre hat 2014 das Gletscherende erreicht. Zwischen Felswand und Schotterkegel entstand in den vergangenen 51 Jahren ein Abstand  von 260 m. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich der Schuttkegel erst an flacherer Stelle auf dem Gletscher bildete und nicht gleich an der sehr steilen Wandzone. Zusammenfassend kann im letzten Jahrzehnt eine verstärkte Abnahme der Eismasse festgestellt werden, die mit der derzeitigen wissenschaftlich belegten anthropogen beeinflussten Klimaerwärmung korreliert.

 

Auf dem etwa 100 m höher gelegenen Gjaidsteinsattel wurden ähnliche Verhältnisse wie bei unseren beiden Messsteinen am Rand des Schladminger Gletschers vorgefunden. 1896 berichtet M. Groller, dass der Grat "an der Schneide der beiden benachbarten Gletscher mit einer sehr zerklüfteten und verwitterten Endkuppe (2668 m) unter dem Firn" verschwinde. Diese "Endkuppe" kann nur die Erhebung, auf der heute ein Strommast steht, sein. Die hier 2014 durchgeführte Tachymetermessung ergab ebenfalls die Höhe von 2668 m! In der Gletscherkarte von A. Hübner 1901 reichte das Eis am Gjaidsteinsattel nur noch bis 2649 m. Von diesem Messpunkt bis zum Messpunkt von 2015 hat sich der Gletscher um 107 m zurückgezogen (Maßband und Lasermessung).

 

 

Die Denudationsentwicklung des Dachsteinkalks an den eisfrei gewordenen Bankungen und Karstgassen am Rande des Schladminger Gletschers

Die Denudation der aus dem Eis geaperten Karstgassen ist an deren Seitenwänden geringer als auf deren kantengerundeten Graten. Die in diesen Gassen angesammelten Steine liegen auf dem Eis und weisen eine beachtliche Masse auf, die an den Wänden durch das Mitsinken frische Runsen und Kratzer hinterlassen. Die vom Gletschereis frei gewordenen Karstgassen liegen in einem nur leicht geneigtem Gelände in einer wilden zerklüfteten Karstlandschaft quer zum Gletscherabfluss. Das einstige in den Karstgassen und Dolinen gestaute Eis konnte dem oberen Gletscherabfluss nicht folgen. Diese Eislager erreichten Höhen bis zu 30 m. Der Denudationsunterschied zu weiter entfernten Klüften und Karstgassen ist hier viel geringer. Zweifellos ist das 2017 frei gewordene Areal viel länger unter einer Eisdecke gelegen als das hinter der Messmarke von 2003. Mit einer Datierung dieses Denudationsspektrums könnten wichtige Daten zu Langzeitständen des Gletschers und zur Klimageschichte der letzten 12.000 Jahre gewonnen werden. Vgl. dazu den Beitrag zur 12.000-jährigen Klimageschichte auf den Seiten der Zentralanstalt für Metrologie und Geodynamik: https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/informationsportal-klimawandel/klimavergangenheit/palaeoklima/12.000-jahre.

 

 

Glazialerosion

Die Glazialerosion formte ein postglaziales (nacheiszeitliches), hufeisenförmiges Gletscherbett. So entstand ein Kar mit allen durch die Ablation sichtbar gewordenen Merkmalen eines Gletschers: Stirn- und Seitenmoränen, Schotterablagerungen, erodierten Felsen, einem kleinen Eissee und einem beinahe bewegungslosen, absterbenden Eiskörper. Die Eishöhe dieses Gletscherareals im Jahr 1850 lässt sich an der Nordwand des Koppenkarsteins an dunkel bzw. hell verfärbten Rändern erkennen. Dieser Durchschnittswert wurde nur durch Klimaschwankungen verändert. Die Klimaforschung belegt für die Alpen zwischen 4000 bis 2000 vor Chr. eine Klimaerwärmung um 2° bis 3 °C. In diesem Zeitabschnitt sind unsere Gletscher weitgehend abgeschmolzen (vgl. Das Lexikon zu Glaziologie, Schnee- und Lawinenforschung der Schweiz. Hrsg. v. d. Redaktion Schweizer Lexikon und der Gletscherkommission der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften. Luzern 1993). Die ältesten noch erhaltenen Eisreste in den Karstgassen und Dolinen des Schladminger Gletscherareals könnten jedoch wegen der extremen Nordstaulage älter als 4000 Jahre sein. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass die Zeit des prähistorischen Klimaoptimums mit der Neolithischen Revolution korreliert.  Es ist eine Kulturrevolution und Aufbruchszeit des Ackerbaues und der Viehzucht. Dazu kommt später die Metallverarbeitung von Kupfer und Bronze. Für diese Erneuerung wurden von Asien (bereits ab 8000 v. Chr.) bis Europa riesige Brandrodungen durchgeführt, die sogar noch in den südlich gelegenen Alpen nachweisbar sind (vgl. PATZELT, Gernot: Datierung von Feuerstellen in prähistorischen Hirtenhütten im Waldgrenzbereich ostalpiner Gebirgsgruppen. Praearchos 4/2013, 34, 60-63). Zweifellos haben diese Brandrodungen mit ihren gewaltigen Kohlendioxyd-Emissionen erstmals in der Menschheitsgeschichte eine anthropogene Klimaerwärmung verursacht! Dazu benötigte der neolithische Klimawandel mehrere tausend Jahre. Der aktuelle industriell verursachte Klimawandel hat dagegen in nur 200 Jahren eine solche Klimaerwärmung, die zudem noch weiter fortschreitet, zu Stande gebracht.

 

 

 

Literatur:

ARNBERGER, Erik/WILTHUM, Erwin: Die Gletscher des Dachsteinstockes in Vergangenheit und Gegenwart. In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines. 97. Band, Linz 1952, 181-214.
BRANDNER, Daniel/MANDL, Franz: Der Schladminger Gletscher als Forschungsprojekt. Die ANISA-Messlinie von 2014 und von 2021 im Vergleich mit der 2600-m-Höhenschichtlinie in der Österreich Karte von 1934. Die Folgen der Klimaerwärmung am Beispiel eines Gletschers auf dem Dachsteingebirge, Oberösterreich  https://www.anisa.at/Schladminger_Gletscher-ANISA_Brandner_Mandl_2021.html
Der Dachstein. Werbeprospekt der Planai-Hochwurzenbahnen GmbH. 2018 und ältere Exemplare.
GANSS, O./KÜMEL, F./SPENGLER, E.: Erläuterungen zur geologischen Karte der Dachsteingruppe. Wissenschaftliche Alpenvereinshefte, Heft 15 (1954). Kartenbeilage 1:25 000 mit den Gletscherständen von 1914 und 1953.
Gletscher im Wandel. 125 Jahre Gletschermessdienst des Alpenvereins. Berlin: Springer Spektrum 2018.
Geologische Karte der Dachsteinregion. Bearbeitung: G. W. Mandl. Herausgegeben von der Geologischen Bundesanstalt und vom Umweltbundesamt. Wien 1998.
HAUTZENBERG, Maximilian: Schutz und Nutzung der Gletscher im alpinen Rechtsraum. Beiträge zu einem nachhaltigen Gletscherschutz in Österreich. Fachbeiträge des Österreichischen Alpenvereins. Serie: Alpine Raumordnung Nr. 38. Innsbruck 2013.

MANDL, Franz: Der Hallstätter Gletscher. Alte und neue Forschungen. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 202 ff.
-     Der Eisstein. Ein Beitrag zur Eishöhenabsenkung in der Firnregion des Hallstätter Gletschers. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 216 ff. -     Der Schladminger Gletscher und sein Rückzug seit 1850. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 228 ff.
-     Der Schladminger Gletscher auf dem Dachsteingebirge und sein Ganzjahresschibetrieb im Jahrhundertsommer 2003. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 236 ff.
 
-    Umweltschutz im Natura-2000-Gebiet Dachstein. Am Beispiel einer Beschwerde an die Europäische Kommission. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 242 ff.
-     Das entstehen von Schmutzrinden auf Gletschern. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 247 ff.

PATZELT, Gernot: Die prähistorische Gletscher- und Vegetationsentwicklung im Bereich des Hallstätter Gletschers (Dachsteingruppe). https://www.anisa.at/Hallst%C3%A4tter%20Gletscher,%20Dachsteingruppe_Patzelt_2019.html

REINGRUBER, Klaus: Gletscherrückgang am Beispiel Dachstein. In: bergundsteigen, 100 (2017), 64-66.
REITMAIER, Thomas (HG.): Gletscherarchäologie. Kulturerbe in Zeiten des Klimawandels. Darmstadt 2021.
SIMONY, Friedrich: Das Dachsteingebiet. Ein geographisches Charakterbild aus den Österreichischen Nordalpen. Wien 1895. 124-150.
SIMONY, Friedrich: Über die Schwankungen in der räumlichen Ausdehnung der Gletscher des Dachsteingebirges während der Periode 1840 - 1884. In: Mitteilungen der Kais. Königl. Geographischen Gesellschaft in Wien. Band XXVIII, 1885, 117.
TIEBER, Alexandra/LETTNER, Hebert/HUBMER, Alexander/BOSSEW, Peter/SATTLER, Birgit: Anreicherung von Radioaktivität in Kryokoniten (Schmutzrinde) auf dem Hallstätter Gletscher. In: Forschungeberichte der ANISA 2, 2009, 177-180.

 

Bildnachweis: Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Fotos vom Autor.

 

Schlag

 

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© Alle Rechte vorbehalten! Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Fotos: Franz Mandl

 

 

weiterführende Links: 

 

https://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_Dachsteingebirge_2021.html

https://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_Dachsteingebirge_Hallstaetter_Gletscher_2021.html

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_Dachsteingebirge_2020.html

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_Dachsteingebirge_Hallstaetter_Gletscher_2020.html

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_Dachsteingebirge_2019.html

http://www.anisa.at/Gletscher_Plogging_2018_ANISA.html

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_Dachsteingebirge_Hallstaetter_Gletscher_2018.html

http://www.anisa.at/Waldhorngletscher_2018_ANISA.html

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_ Dachsteingebirge_2017.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_ Dachsteingebirge_2016.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2015.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2014.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2013.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2012.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2011.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2010.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2009.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2008.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2007.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2006.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2003.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_1999.htm

 

 

 

Dachstein-Chronologie: http://www.anisa.at/Dachstein%20Chronologie.htm

 

 

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