Beitrag am 06.09.2019 ins Netz gestellt. Letzte Aktualisierung: -

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Forschungsberichte der ANISA für das Internet. 12, 2019 (ANISA FB 12, 2019)

21. Dachstein-Gletscherbericht der ANISA. Aktualisierungen vorbehalten

 

 

Die Gletscherberichte, Gletscherzustandsberichte und Gletschermessungen der ANISA versuchen mit vielfältigen Bilddokumentationen den Klimawandel und die Auswirkung der Gletscherbewirtschaftung auf die Umwelt sowie auf das sich dadurch wandelnde Landschaftsbild zu veranschaulichen. Sie wollen die wissenschaftliche Glaziologie, die insbesonders auf den Dachsteingletschern unter mangelnder Kontinuität leidet, bereichern und ergänzen. Die Mitglieder der ANISA liefern im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit, Forschungsansätze, Fotografien, Messmarken und unterstützende Dokumente für die Glaziologie. Wir bitten jedoch bei Inanspruchnahme unserer Daten auf die Quelle zu verweisen!

 

 

 

 

Gletscherbericht 2019

Schladminger Gletscher

Dachsteingebirge

Oberösterreich und Steiermark

 

von Franz Mandl

 

 

Inhaltsverzeichnis

Gletscherbegehungen und Gletschermessungen 2019

Aktuelle Informationen und Rückblicke

Allgemeine Hintergrundinformationen

Schladminger Gletscher: 15.06.2019 und 04.09.2019

Gjaidsteinsattel

Eispalast

Bergstation Hunerkogel

Klimabericht der Zentralanstalt für Metrologie und Geodynamik. Österreich 2019

Der hochalpine Massentourist auf Schnäppchenjagd auf den Gletscherresten des Dachsteingebirges

Bildnachweis

Literatur

 

 

Das Dachsteingebirge, inmitten von Österreich, ist Teil der Nördlichen Kalkalpen, die sich von Wien bis zum Bodensee erstrecken. Im Norden davon liegt der weltbekannte Ort Hallstatt und im Süden die Ramsau. Das Gestein des Gletscherareals besteht zum überwiegenden Teil aus gebanktem Dachsteinkalk (Geologische Karte der Dachsteinregion, Wien 1998). Die sieben stark abschmelzenden Dachsteingletscher sind die östlichsten Gletscher der Alpen. Sie liegen in einer Höhe zwischen 2210 m bis 2910 m. Die kleinen Eisfelder und Eisreste in hoch gelegenen Dolinen und Höhlenruinen sollten nicht unerwähnt bleiben.

 

 

Gletscherbegehungen und Gletschermessungen 2019

 

Schladminger Gletscher

Begehung: 04.09. 2019. Bericht 05.09.2018

Der Längenrückzug von 2018 auf 2019 stagnierte an der Messmarke von 2018. Am Gletscherrand liegt noch ein 2 m breiter Saum Altschnee. Dieser Bereich wird im Winter und Frühjahr für den Pistenschilauf präpariert und verdichtet.

Hand-GPS-Einmessung am 04.09.2019: 2557 m, 0397086-5258486 (UTM,T33 +/- 3 m)

Zugleich schmolz die  Eisdicke (Ablation) im oberen ausgeaperten Gletscherbereich bis zu einem Meter ab. (vgl. http://www.anisa.at/Schladminger_Gletscher_1850_2014_Klima_ANISA.htm)

 

 

Gjaidsteinsattel

Begehung: 04.09. 2019. Bericht 05.09.2018.

Am Messpunkt ist die Eisdicke um ca.1 m abgeschmolzen. Messpunkt mit Hand-GPS-Einmessung am 04.09.2019: 2636 m, 0396412-5258478 (UTM,T33 +/- 2 m)

Der bereits 2018 sichtbar gewordene Stein (Ost-West Bankung?) südlich des Messpunktes ragt nun 1,5 m aus dem Eis hervor und hat eine Länge von 11 m erreicht.

Hand-GPS-Einmessung am 04.09.2019: 2638 m, 0396394-5258464 (UTM,T33 +/- 2 m)

Gjaidsteingrat, Strommast 2668 m, Wegweiser 2642 m (=Tachymetermessung)

 

 

Verwendete Karte:

Österreichkarte 3217, Hallstatt, 1:50 000 (Anmerkung: Die Alpenvereinskarte, Blatt 14, gibt einige ungenaue Höhen- und Ortsangaben an!)

 

 

 

 

Aktuelle Informationen und Rückblicke

 

Die Schneedecke war im Winter 2018/2019 wiederum überdurchschnittlich hoch. Sie erreichte eine Höhe von bis zu 8 m. Der Schnee wurde mit Pistenraupen weitflächig zu den Liftsockeln und auf die Pisten geschoben. Am 15.06.2019 betrug die Schneehöhe noch immer zwischen 2 und 3 m. Erst Ende Juli kam es zu großflächigen Ausaperungen. Die Ablation des Gletschers begann Ende Juli und war Anfang September noch nicht abgeschlossen.

 

Messmarken-Information

Der Schladminger Gletscher reichte 1947 bis zu einer Felskuppe, auf der damals damals der Gletscherstand mit Lack markiert wurde. Diese Messmarke von 1947 für die Messlinie zur Koppenkarstein-Nordwand (645 m, 187,5°, Tachymeternessung)wurde von uns mit einem eingebohrten  Messnagel fixiert. Wir bezeichnen diese Linie "ANISA-Koppenkarstein-Messlinie". 1947 stieg der Gletscher mit einer Neigung von beinahe 30° zur Nordwand des Koppenkarsteins an. Der Gletscher überragte die 2018er Marke um etwa 39 m. Der Längenrückgang zwischen der Gletscherstandsmarke aus dem Jahr 1947 und der aktuellen Marke von 2019 beträgt 97 m (1947 bis 2003 = 15,80 m, 2003 bis 2008 = 51,53 m, 2008 bis 2019 = 30,08 m). Von der Eishöhe schmolzen von 1947 bis 2003 etwa 0,5 m pro Jahr ab. Dagegen ergaben die Messungen in den letzten 15 Jahren eine durchschnittliche Absenkung der Eishöhe durch Ablation von etwas mehr als 1,00 m pro Jahr. (Messdaten errechnet auf Basis der Tachymetermessungen von 2014, spätere Ergänzungen mit GPS, Laserentfernungsmessung, Messlatte und DORISinterMAP.)

 

Wenn man den Gletscherstand der AV-Karte von 1915 und die dort eingezeichnete 2600-m-Höhenschichtlinie über das Orthofoto von DORIS 2015 legt und durch eigene Messungen ergänzt, erhält man an der Messmarke von 2018 und 2019 eine Eisdickenabnahme (Ablation) von etwa 71 m.

 

 

 

Allgemeine Hintergrundinformationen

 

1850 betrug die Fläche des Schladminger Gletschers mit den Gjaidsteinosthängen (ohne Berücksichtigung der Neigung) 2,598 km², mit dem teils vergletscherten Mittersteinkar sogar bis zu 3,814 km² (laut Aquarell von Friedrich Simony 1842, Modereckalm). Der Umfang betrug 8,370 km. (Als Messpunkte dienten die gut sichtbaren Moränen, Schotterflächen, Erosionsflächen, Bewuchs, Wandbegrenzungen und der Gjaidsteinsattel. Quelle: Orthofoto, DORIS-Intermap des Landes Oberösterreich.)

 

2015 wies der Schladminger Gletscher nur noch annähernd 0,680 km² auf (ohne Berücksichtigung der Hangneigungen). Das ist ca. ein Viertel der ursprünglichen Fläche ohne Mittersteinkar. Der Umfang betrug 4,135 km (Orthofoto, DORIS-Intermap des Landes Oberösterreich). Am Nordostrand des Schladminger Gletschers ist in den letzten 10 Jahren ein ca. 200 m langes und ca. 30 m tiefes Tal ausgeapert. Der vom Koppenkarstein herabgestürzte Sprengschotter der Militärstation aus den 1970er-Jahren hat 2014 das Gletscherende erreicht. Zusammenfassend kann im letzten Jahrzehnt eine verstärkte Abnahme der Eismasse festgestellt werden, die mit der derzeitigen wissenschaftlich belegten anthropogen beeinflussten Klimaerwärmung korreliert.

 

 

Auf dem etwa 100 m höher gelegenen Gjaidsteinsattel wurden ähnliche Verhältnisse wie bei unseren beiden Messsteinen am Rand des Schladminger Gletschers vorgefunden. 1896 berichtet M. Groller, dass der Gletscher bis zu dem Messpunkt (2668 m) reiche, "um an der Schneide der beiden benachbarten Gletscher mit einer sehr zerklüfteten und verwitterten Endkuppe unter dem Firn zu verschwinden." Diese "Endkuppe" kann nur die Erhebung, auf der heute ein Strommast und etwas darunter eine Bergrettungshütte stehen, sein. Die hier 2014 durchgeführte Tachymetermessung ergab ebenfalls die Höhe von 2668 m! In der Gletscherkarte von A. Hübner 1901 reichte das Eis am Gjaidsteinsattel nur noch bis 2649 m. Von diesem Messpunkt bis zum Messpunkt von 2015 hat sich der Gletscher um 107 m zurückgezogen. Groller misst 1896 eine Höhendifferenz von 39 m und Hübner 1901 von 20 m.

 

 

 

Schladminger Gletscher: 15.06.2019

 

Auch die großen Schneemengendes vorigen Winters schmolzen durch die fortschreitende Klimaerwärmung in den Monaten Juni bis November weg. Am 15.06.2019 lagen noch 2 bis 3 m Schnee auf dem Schladminger und Hallstätter Gletscher.

 

 

Schladminger Gletscher Zustandsbericht 2019. ANISA Verein für alpine Forschung. www.anisda.at

 

Blick vom Gjaidsteinsattel zum Hunerkogel. Foto: 15.06.2019 

 

 

Schladminger Gletscher Zustandsbericht 2019. ANISA Verein für alpine Forschung. www.anisda.at 

 

Östlicher Randbereich des "Eispalastes" am Hunerkogel mit Wärmeschutzabdeckung. Der Randbereich ragt ca. 1 m über die Schneedecke. Foto: 15.06.2019  

 

 

 

 

Dieselbe Stelle am östlichen Randbereich des "Eispalastes" am 04.09.2019. Der Randbereich ragt nun ca. 3 m über die Schneedecke. Die Wärmeschutzabdeckung kann nur mehr einen Teil des Altschnees bedecken.

 

 

 

Blick auf die Schneekante des "Eispalastes". Hier sieht man besonders gut, wie viel Schnee und Eis zwischen Mitte Juni und Anfang September abgeschmolzen sind. Foto 04.09.2019.

 

 

 Schladminger Gletscher Zustandsbericht 2019. ANISA Verein für alpine Forschung. www.anisda.at

 

Abtauender Winterschnee auf dem Schladminger Gletscher. Foto: 15.06.2019 

 

 

Schladminger Gletscher Zustandsbericht 2019. ANISA Verein für alpine Forschung. www.anisda.at 

 

Wärmeschutzabdeckung am Schladminger Gletscher. Auffahrtsrampe. Foto: 15.06.2019  

 

 

 

Schladminger Gletscher: 04.09.2019

 

 

 

Schuttkegel der Koppenkarsteinsprengungen aus den 1960er/1970er Jahren. Dieser Schutt ist mit dem Gletschereis gegen Norden gewandert und hat nun den Gletscherrand erreicht. Foto: 04.09.2019.

 

 

 

Blick vom Schuttkegel der Koppenkarsteinsprengungen zum Ende des östlichen Ausläufers des Schladminger Gletschers. Hier entstand eine kleine Gletscherzunge. Der Gletscher endet hier auf einer Höhe von 2400 m. Foto: 04.09.2019.

 

 

 

Messmarke an der ANISA-Linie. Der Altschnee ist in diesem Bereich nicht ganz abgeschmolzen. Es ist anzunehmen, dass die Verdichtung des Schnees durch die Pistenpräparierung dessen Abschmelzen  verlangsamt. Hand-GPS-Messung: T33 397086-5258486 2557 m. Foto: 04.09.2019.

 

 

 

 

Mit Pistenraupen und Bagger hergestellte Schneerampe zur Bergstation des Mittersteinlifts. Diese wird zum Schutz vor der Sonnenwärme und Schneeschmelze mit Plastikplanen abgedeckt. 1980 reichte der Gletscher noch bis zum Gebäude der Bergstation. Foto: 04.09.2019

 

 

 

Gjaidsteinsattel

 

Strommasten 2662 m. Sockel (Tachymetermessung). Gletschergrenze um 1900

Zwischen 1900 und 1980, also innerhalb von 80 Jahren, erfolgte eine Reduktion der Gletscherdicke (Ablation) von 20 m. Zwischen 1980 und 2018, also in nur 39 Jahren, sind aber ebenfalls 20 m Eishöhe abgeschmolzen. Das ist ein nicht mehr zu leugnendes Warnsignal der rasant voranschreitenden Klimaerwärmung an der auch der Massentourismus vor Ort mitbeteiligt ist.

 

 

 

Situation am Gjaidsteinsattel. Messmarke 2019. Hand-GPS-Messung. Foto: 04.09.2019

 

 

 

 

Situation am Gjaidsteinsattel. Messmarke 1 T33 396412-5258478 und 2 T33 396394-5258464 2019. Die Eisdickenabnahme beträgt in diesem Bereich seit 2018 1 m. Hand-GPS-Messung. Foto: 04.09.2019

 

 

 

 

Hunerkogel Bergstation

 

 

 

Dieses Jahr wurde zur Sicherung des Permafrostes im Bereich der Garagen für die Pistenraupen ein Schneedepot angelegt. Foto: 04.09.2019

 

 

 

 

 

Eispalast

Der Eispalast wurde wiederum großflächig mit einer weißen Plastikplane vor dem Abschmelzen geschützt. Da dadurch die Oberfläche  langsamer abschmilzt und der Eispalast im Inneren zusätzlich gekühlt wird, entsteht ein künstliches Schnee- und Eisgebäude, das sich bereits als eine auffällige Erhebung vom Gletscher abhebt. Foto: 04.09.2019

 

 

 

Der Eispalast am Hunerkogel, mit dem man versucht, den Touristenmassen etwas Unterhaltung zu bieten, ist letztlich ein trauriger Beleg der Klimaerwärmung. Foto: 04.09.2018

 

 

 

Eispalast im Klimafieber und davor stehender "Transportdienst" für untrainierte Touristen. Foto: 04.09.2018

 

 

 

Schladminger Gletscher 2019. Gletscherzustandsbericht. ANISA, Verein für alpine Forschung. www.anisa.at

 

2019 neu angelegtes Schneedepot. Die Verschandelung der Berglandschaft wird für den Massentourismus gerne in Kauf genommen. Die Raffgier und die daraus entstandene Klimaerwärmung sind die gefürchtetsten  Schlagwörter der Menschheitsgeschichte. Foto: 04.09.2019.

 

 

 

Glaziologie

 

Die Gletscherforschung darf sich nicht nur mit der Gletscherschmelze beschäftigen, sondern auch die lokale Verschmutzung und der Ferneintrag bedürfen einer Berücksichtigung. Dafür bieten sich viele Untersuchungsgebiete an. Am Hallstätter und Schladminger Gletscher könnte man z.B. die historische Rußablagerungen von der Saline Hallstatt, die Auswirkungen der Gletscherbewirtschaftung, die Müllablagerungen und die frei werdenden Sedimente analysieren. Eisdatierungen, Wasserqualität, Ferneintrag und Wirtschaftsethik wären weitere Forschungsfelder. Und noch vieles mehr. Versagt hier die österreichische Glaziologie? Die ANISA initiierte bereits 2008 eine Untersuchung der Schmutzrinden in Hinblick auf Radioaktivität (TIEBER, Alexandra/LETTNER, Hebert/HUBMER, Alexander/BOSSEW, Peter/SATTLER, Birgit: Anreicherung von Radioaktivität in Kryokoniten (Schmutzrinde) auf dem Hallstätter Gletscher. In: Forschungeberichte der ANISA 2, 2009, 177-180). Deren Ergebnis zu Folge sollte man auf dem Dachsteingebirge Gletscherbegehungen möglichst vermeiden.

 

 

Klimabericht der Zentralanstalt für Metrologie und Geodynamik. Österreich 2019

Der August 2019 gehört zu den 10 wärmsten der gemessenen Monaten.

Sommer 2019: https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/news/august-2019-einer-der-zehn-waermsten-der-messgeschichte

 

 

Seit 170 Jahren beschleunigt sich die Massenabnahme der Gletscher durch ein unkontrolliertes Wirtschaftswachstum

Der Temperaturanstieg und der damit verbundene Gletscherrückgang beschleunigten sich durch die anthropogene Beeinflussung seit dem Beginn der Industrialisierung und des damit erhöhten Schadstoffausstoßes. Die Gletscherforschung der letzten 170 Jahre hat die Gletscherstände einiger Gletscher in den Alpen dokumentiert. Mit diesen Daten sind Massenbilanzberechnungen möglich, deren Ergebnisse unumstößlich sind. Heute gibt es in den Alpen einen kläglichen Rest von etwa 20 % der einstigen Gletschermasse des neuzeitlichen Maximalstandes von 1850. Als plakatives Beispiel sei hier die gut erreichbare Pasterze im Glocknergebiet genannt. Eine Gletschermassenabnahme in so kurzer Zeit hat es in früherer Zeit nicht gegeben. Dafür liegen wissenschaftlich belegte Daten von Eiskernbohrungen vor: https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/informationsportal-klimawandel/klimaforschung/klimarekonstruktion/eisbohrkerne; https://de.wikipedia.org/wiki/Eisbohrkern; http://epic.awi.de/25478/1/2011Lu%CC%88neburg.pdf. Viele der kleinen Gletscher sind zwischen 1950 und 2000 bereits verschwunden. Dazu gehören die in den älteren Landkarten noch eingezeichneten Eisfelder an Waldhorn und Elendberg in den Niederen Tauern: http://www.anisa.at/Waldhorngletscher_2018_ANISA.html

 

 

 

Der hochalpine Massentourist auf Schnäppchenjagd auf den Gletscherresten des Dachsteingebirges

Der 181 Seiten umfassende kleinformatige Sommercard-Katalog 2019 mit seinen vielen Angeboten in der Region von Niederen Tauern und Dachstein motiviert Touristen auf Schnäppchenjagd zu gehen. Dazu gehört an erster Stelle die ansonsten 38,00 Euro teure Gratis-Seilbahnfahrt zu den Dachsteingletschern auf 2700 m Höhe. Kritik ist allerdings an den Anbietern solcher Angebote zu üben, die damit an schönen Tagen mehreren Tausend Menschen auf den Gletscher locken. Der Massenandrang  kann nur noch mit Platzreservierungen gemeistert werden. Drängeleien sind an der Tagesordnung. Als erholsam kann diese Fahrt nicht bezeichnet werden, jedoch ist ein Erlebnisfaktor hervorzuheben, der unterschiedlich beurteilt werden kann. Das Glücksgefühl oder die große Enttäuschung teilt man mit tausenden Gleichgesinnten in Gondel, auf den Gletschern, in den Gaststätten und mittels des allgegenwärtigen Smartphones. Mit Baggern und Pistenraupen werden Schnee und künstlich zerkleinertes Gletschereisgranulat nach Bedarf verschoben und verfrachtet, riesige abgedeckte Schneedepots angelegt, um die Gletscherbewirtschaftung aufrecht erhalten zu können. Ist ein ausgeapertes Loch ausgefüllt, fehlt die Schnee- und Eismasse an dem Ort der Entnahme. Längerfristig hilft kein Abdecken mit den großflächigen Plastikplanen, um einen verwertbaren Schneerest erhalten zu können. Ein fragwürdiger Kampf wider die Natur, der die hochalpine Bergwelt nur nachteilig beeinflussen kann.

 

Der 2734 m hohe Kleine Gjaidstein  ist in den letzten Jahren ein weiteres Opfer des Massentourismus auf dem Dachsteingebirges geworden. Mit Bagger, Schrämmbohrer, Meißel und Seilen wurde der Berg für Spaziergänge im hochalpinen Gelände zurechtgehämmert. Eine Gipfelpyramide mit Erklärungstafeln verweist unter anderem auf das hier geltende UNESCO-Naturerbe und den Naturschutz. Eine Widerwärtigkeit der besonderen Art, denn die technisierte Naturzerstörung auf dem Dachsteingebirge breitet sich stetig weiter aus. Man sieht, dass in dieser einstmals hochalpinen Naturoase keine Naturschutzgesetze gelten, sondern einzig die Macht des Geldes regiert. In den hochalpinen Räumen dürfen Naturschutzgesetze nach Bedarf von einer ausufernden Massentourismuswirtschaft gebeugt werden. Dies hinterlässt bleibende Spuren. Trotz der bereits spürbaren anthropogenen Klimaerwärmung mit den daraus resultierenden  Umweltkatastrophen auch in Österreich bleiben Maßnahmen der Umweltpolitik aus..

 

 

 

Die Denudationsentwicklung des Dachsteinkalks an den eisfrei gewordenen Bankungen und Karstgassen am Rande des Schladminger Gletschers

Die Denudation der aus dem Eis geaperten Karstgassen ist auf deren Seitenwänden geringer als auf deren kantengerundeten Graten. Die in diesen Gassen angesammelten Steine liegen auf dem Eis und weisen eine beachtliche Masse auf, die an den Wänden durch das Mitsinken frische Schrämmspuren hinterlassen. Die vom Gletschereis freigewordenen Karstgassen liegen in einem nur leicht geneigtem Gelände, in einer wilden zerklüfteten Karstlandschaft quer zum Gletscherabfluss. Das einstige Eis in den Karstgassen und Dolinen konnte dem Gletscherfluss nicht folgen und war mit beträchtlichen Höhen von bis zu 20 m tief stationär eingeschlossen. Der Denudationsunterschied zu weiter entfernten Klüften und Karstgassen ist hier viel geringer. Zweifellos ist das 2017 frei gewordene Areal viel länger unter einer Eisdecke gelegen als das hinter der Messmarke von 2003. Mit einer Datierung dieses Denudationsspektrums könnten wichtige Daten zu Langzeitständen des Gletschers und zur Klimageschichte der letzten 12 000 Jahre gewonnen werden. Vgl. dazu den Beitrag zur 12.000-jährigen Klimageschichte auf den Seiten der Zentralanstalt für Metrologie und Geodynamik: https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/informationsportal-klimawandel/klimavergangenheit/palaeoklima/12.000-jahre.

 

 

 

Bildnachweis: Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Fotos vom Autor.

 

Literatur:

Der Dachstein. Werbeprospekt der Planai-Hochwurzenbahnen GmbH. 2018 und ältere Exemplare.
GANSS, O./KÜMEL, F./SPENGLER, E.: Erläuterungen zur geologischen Karte der Dachsteingruppe. Wissenschaftliche Alpenvereinshefte, Heft 15 (1954). Kartenbeilage 1:25 000 mit den Gletscherständen von 1914 und 1953.
Gletscher im Wandel. 125 Jahre Gletschermessdienst des Alpenvereins. Berlin: Springer Spektrum 2018.
Geologische Karte der Dachsteinregion. Bearbeitung: G. W. Mandl. Herausgegeben von der Geologischen Bundesanstalt und vom Umweltbundesamt. Wien 1998.
HAUTZENBERG, Maximilian: Schutz und Nutzung der Gletscher im alpinen Rechtsraum. Beiträge zu einem nachhaltigen Gletscherschutz in Österreich. Fachbeiträge des Österreichischen Alpenvereins. Serie: Alpine Raumordnung Nr. 38. Innsbruck 2013.

MANDL, Franz: Der Hallstätter Gletscher. Alte und neue Forschungen. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 202 ff.
-     Der Eisstein. Ein Beitrag zur Eishöhenabsenkung in der Firnregion des Hallstätter Gletschers. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 216 ff. -     Der Schladminger Gletscher und sein Rückzug seit 1850. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 228 ff.
-     Der Schladminger Gletscher auf dem Dachsteingebirge und sein Ganzjahresschibetrieb im Jahrhundertsommer 2003. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 236 ff.
 
-    Umweltschutz im Natura-2000-Gebiet Dachstein. Am Beispiel einer Beschwerde an die Europäische Kommission. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 242 ff.
-     Das entstehen von Schmutzrinden auf Gletschern. In: ALPEN. Archäologie, Geschichte, Gletscherforschung. FS: 25 Jahre ANISA, Verein für alpine Forschung. Mitt. d. ANISA, 25./26. Jg. 2006, S. 247 ff.

REINGRUBER, Klaus: Gletscherrückgang am Beispiel Dachstein. In: bergundsteigen, 100 (2017), 64-66.
SIMONY, Friedrich: Das Dachsteingebiet. Ein geographisches Charakterbild aus den Österreichischen Nordalpen. Wien 1895. 124-150.
SIMONY, Friedrich: Über die Schwankungen in der räumlichen Ausdehnung der Gletscher des Dachsteingebirges während der Periode 1840 - 1884. In: Mitteilungen der Kais. Königl. Geographischen Gesellschaft in Wien. Band XXVIII, 1885, 117.
TIEBER, Alexandra/LETTNER, Hebert/HUBMER, Alexander/BOSSEW, Peter/SATTLER, Birgit: Anreicherung von Radioaktivität in Kryokoniten (Schmutzrinde) auf dem Hallstätter Gletscher. In: Forschungeberichte der ANISA 2, 2009, 177-180.

 

Schlagwörter:

Zerstörung, die Masse zählt, Schwarzba, UNESCO-Welterbe zur Ankurbelung des Massentourismus, Raubbau an der Natur, Mülldeponien, gebeugter Umweltschutz, kostenlose Gondelfahrt für den Massentourismus, Lift Neubau, Steiermark, Oberösterreich, Dachstein, technisierte Touristenunterhaltung, Werbemaschinerie, Gratisbahnfahrten, Parkplatzmangel, Stau, Naturschutz; Kunstwelten, Taxidienste mit Schneemobilen, Schmutzrinde ...

 

 

 

Meinungen zu diesem Bericht senden Sie bitte an: franz.mandl@anisa.at

© Alle Rechte vorbehalten! Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Fotos: Franz Mandl

 

 

 

 

weiterführende Links: 

 

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_Dachsteingebirge_2019.html

http://www.anisa.at/Gletscher_Plogging_2018_ANISA.html

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_Dachsteingebirge_Hallstaetter_Gletscher_2018.html

http://www.anisa.at/Waldhorngletscher_2018_ANISA.html

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_ Dachsteingebirge_2017.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_ Dachsteingebirge_2016.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2015.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2014.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2013.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2012.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2011.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2010.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2009.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2008.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2007.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2006.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_2003.htm

http://www.anisa.at/Gletscherzustandsbericht_1999.htm

 

Zerstörung, die Masse zählt, Schwarzbau, UNESCO-Welterbe zur Ankurbelung des Massentourismus, Raubbau an der Natur, Mülldeponien, gebeugter Umweltschutz, kostenlose Gondelfahrt für den Massentourismus, Lift Neubau, Steiermark, Oberösterreich, Dachstein, technisierte Touristenunterhaltung, Werbemaschinerie, Gratisbahnfahrten, Parkplatzmangel, Stau, Naturschutz; Kunstwelten, Taxidienste mit Schneemobilen, Schmutzrinde ...

 

 

Dachstein-Chronologie: http://www.anisa.at/Dachstein%20Chronologie.htm

 

 

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